Neobroker – wirklich kostenlos? Wie günstige Broker Geld verdienen und worauf Anleger achten sollten

Klaus Häntzschel

Warum bestehende Riester-Verträge nicht vorschnell übertragen werden sollten – und weshalb die beste Lösung nicht für jeden gleich aussieht

0 Euro Depotgebühr. Kostenlose ETF-Sparpläne. Aktien kaufen für wenige Euro oder sogar ohne Ordergebühr.

Neobroker haben das Investieren in den vergangenen Jahren deutlich einfacher und günstiger gemacht.

Ein Depot lässt sich teilweise innerhalb weniger Minuten eröffnen. Über eine App können ETFs, Aktien und andere Wertpapiere gekauft werden. Sparpläne beginnen teilweise schon bei einem Euro.

Gerade für junge Menschen hat das eine große Hürde beseitigt: Man braucht weder ein großes Vermögen noch eine klassische Bankfiliale, um mit dem Investieren zu beginnen.

Das ist grundsätzlich eine gute Entwicklung.

Trotzdem sollte man bei einem Begriff genauer hinschauen:

„Kostenlos“

Denn auch ein Neobroker ist ein Unternehmen. Er stellt Technik bereit, führt Wertpapierorders aus, verwaltet Kundendepots und beschäftigt Mitarbeiter.

Damit stellt sich eine einfache Frage:

Wenn ich als Kunde kaum etwas bezahle – womit verdient der Anbieter dann sein Geld?

Die Antwort ist nicht automatisch problematisch. Aber Anleger sollten sie kennen.


Was ist überhaupt ein Neobroker?

Ein Neobroker ist vereinfacht gesagt ein digitaler Wertpapierbroker.

Während klassische Banken früher teilweise relativ hohe Gebühren für ein Wertpapierdepot und einzelne Käufe verlangt haben, funktionieren Neobroker weitgehend digital.

Depoteröffnung, Wertpapierkauf, ETF-Sparplan und Depotübersicht laufen hauptsächlich über Smartphone oder Browser.

Durch diese schlanken Prozesse können die Anbieter ihre Leistungen häufig deutlich günstiger anbieten.

Typisch sind beispielsweise:

  • keine Depotführungsgebühr,
  • kostenlose oder sehr günstige ETF-Sparpläne,
  • geringe Ordergebühren,
  • niedrige Mindestsparraten,
  • einfache Bedienung über eine App.

Aber günstig bedeutet nicht automatisch kostenlos.


Wo entstehen trotzdem Kosten?

Der erste Blick sollte nicht nur auf die Ordergebühr fallen.

Bei einem Wertpapierinvestment können Kosten an mehreren Stellen entstehen.

1. Ordergebühren

Eine Ordergebühr fällt an, wenn du beispielsweise eine Aktie oder einen ETF kaufst oder verkaufst.

Bei Neobrokern ist diese häufig sehr niedrig.

Es gibt allerdings unterschiedliche Modelle. Manche Anbieter verlangen einen kleinen festen Betrag pro Transaktion, andere bieten bestimmte Käufe oder Sparpläne ohne Ordergebühr an. Teilweise gibt es auch kostenpflichtige Abomodelle.

Deshalb sollte man genau unterscheiden zwischen:

„0 Euro Ordergebühr“

und

„0 Euro Gesamtkosten“.

Das ist nicht dasselbe.


2. Der Spread – Kosten, die viele Anleger übersehen

Eine der wichtigsten Größen beim Wertpapierhandel ist der sogenannte Spread.

Das klingt kompliziert, ist aber eigentlich einfach.

Ein Wertpapier hat normalerweise einen Kaufpreis und einen Verkaufspreis.

Angenommen, ein ETF kann in diesem Moment für 100,10 Euro gekauft werden. Gleichzeitig würde man beim Verkauf nur 100,00 Euro erhalten.

Die Differenz von 10 Cent ist der Spread.

Je größer dieser Abstand ist, desto ungünstiger ist die Transaktion für den Anleger.

Bei kleinen Beträgen fällt das kaum auf. Bei größeren Summen oder häufigem Handel kann es jedoch relevant werden.

Deshalb kann eine Order mit 0 Euro Ordergebühr trotzdem Kosten verursachen.

Wichtig ist außerdem der Zeitpunkt.

Spreads können sich verändern. Wer zu Zeiten handelt, in denen die großen Referenzbörsen geöffnet und die Märkte liquide sind, hat häufig bessere Voraussetzungen als beispielsweise spät am Abend.

Für langfristige Anleger bedeutet das:

Nicht nur auf die sichtbare Gebühr schauen, sondern auch darauf, wo und wann eine Order ausgeführt wird.


3. Auch ein ETF selbst kostet Geld

Ein weiterer häufiger Denkfehler:

Kostenloser ETF-Sparplan bedeutet nicht kostenloser ETF.

Ein ETF wird von einer Fondsgesellschaft verwaltet. Dafür entstehen laufende Kosten.

Diese werden häufig über die sogenannte TER – Total Expense Ratio angegeben.

Beträgt die TER beispielsweise 0,20 Prozent pro Jahr, werden dir diese 0,20 Prozent normalerweise nicht separat vom Konto abgebucht. Die Kosten werden innerhalb des Fondsvermögens berücksichtigt.

Deshalb sieht man sie auf dem Kontoauszug nicht wie eine normale Rechnung.

Sie existieren trotzdem.

Bei der Auswahl eines ETFs sollte deshalb nicht nur darauf geachtet werden, ob der Broker für den Sparplan 0 Euro verlangt.

Entscheidend ist das Gesamtpaket aus:

Produkt, Kosten, Anlagekonzept und persönlichem Ziel.

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Wie haben Neobroker bisher Geld verdient?

Ein wichtiges Geschäftsmodell war über Jahre das sogenannte:

Payment for Order Flow – kurz PFOF

Vereinfacht erklärt:

Der Kunde gibt über seinen Broker eine Order auf.

Der Broker leitet diese Order an einen bestimmten Handelsplatz weiter.

Dafür konnte der Broker vom Handelsplatz eine Vergütung erhalten.

Der Kunde musste diese Vergütung nicht unmittelbar selbst bezahlen.

Genau dadurch konnten manche Broker ihre Ordergebühren sehr niedrig halten.

Das Modell wurde allerdings kritisch gesehen.

Denn theoretisch entsteht ein Interessenkonflikt:

Wird die Order dorthin geleitet, wo der Kunde die bestmögliche Ausführung erhält – oder dorthin, wo der Broker eine Vergütung bekommt?

Deshalb hat die Europäische Union diese Form der Vergütung eingeschränkt.

Seit dem 30. Juni 2026 dürfen Handelsplätze für eine exklusive Orderweiterleitung grundsätzlich keine entsprechenden PFOF-Provisionen mehr zahlen.

Das bedeutet aber nicht automatisch, dass Neobroker jetzt teuer werden.

Es bedeutet vielmehr:

Die Geschäftsmodelle verändern sich.

Gebühren und Leistungen können deshalb in Zukunft anders aussehen als heute.


Womit verdienen Neobroker heute und künftig Geld?

Es gibt nicht das eine Geschäftsmodell für alle Anbieter.

Einnahmen können beispielsweise entstehen durch:

  • Ordergebühren,
  • kostenpflichtige Premium- oder Abomodelle,
  • Zinsen beziehungsweise Zinsmargen,
  • Wertpapierkredite,
  • Gebühren für bestimmte Zusatzleistungen,
  • Produkt- oder Partnervergütungen, soweit diese zulässig sind,
  • Handels- und Produktkosten bei speziellen Anlageformen,
  • oder weitere Finanzdienstleistungen.

Deshalb sollte man nicht pauschal sagen:

„Neobroker sind kostenlos.“

Treffender ist:

Viele Leistungen werden sehr günstig oder ohne direkte Gebühr angeboten. Trotzdem existieren Kosten und wirtschaftliche Interessen.

Und genau das ist bei einem gewerblichen Anbieter völlig normal.

Entscheidend ist Transparenz.


Warum ändern sich Preise bei Neobrokern?

Ein Depot wird möglicherweise für 20, 30 oder sogar 40 Jahre genutzt.

Die heutige Preisstruktur muss deshalb nicht die Preisstruktur der Zukunft sein.

Ein kostenloser Sparplan kann später kostenpflichtig werden.

Ein Handelsplatz kann ausgetauscht werden.

Ein Premium-Modell kann teurer werden.

Neue Leistungen können hinzukommen, andere verschwinden.

Das ist nicht automatisch negativ.

Aber:

Eine Altersvorsorge sollte nicht ausschließlich danach ausgewählt werden, welcher Anbieter heute die niedrigste sichtbare Gebühr verlangt.

Gerade bei langen Laufzeiten sollte das Gesamtkonzept stimmen.

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Ein unterschätztes Risiko: Die App ist vielleicht zu einfach

Die einfache Bedienung ist eine der größten Stärken von Neobrokern.

Sie kann gleichzeitig zum Problem werden.

Ein paar Klicks – und eine Aktie ist gekauft.

Push-Nachricht.

Kursbewegung.

Depot öffnen.

Verkaufen.

Nächste Aktie kaufen.

Genau hier sollten langfristige Anleger aufpassen.

Die Verbraucherzentralen weisen darauf hin, dass häufiges Kaufen und Verkaufen die Kosten erhöht. Selbst wenn die eigentliche Order kaum etwas kostet, entstehen beispielsweise Spreads. Außerdem kann häufiges Handeln steuerliche Auswirkungen haben.

Vor allem aber zeigen Untersuchungen zum Anlegerverhalten immer wieder:

Häufiges Handeln verbessert die Rendite nicht automatisch – häufig ist das Gegenteil der Fall.

Eine gute Investmentstrategie sollte deshalb nicht davon abhängen, wie einfach die App den nächsten Trade macht.

Für einen langfristigen Vermögensaufbau kann es sogar sinnvoll sein, möglichst wenig zu tun:

Strategie festlegen.
Regelmäßig investieren.
Breit streuen.
Langfristig denken.
Nicht jeder Marktbewegung hinterherlaufen.


Was passiert eigentlich mit meinem Geld beim Neobroker?

Hier muss zwischen Wertpapieren und nicht investiertem Guthaben unterschieden werden.

Aktien und ETF-Anteile im Depot sind grundsätzlich etwas anderes als Geld auf einem Bankkonto.

Wertpapiere werden für den Kunden verwahrt und fallen grundsätzlich nicht einfach in das Vermögen des Brokers.

Beim nicht investierten Guthaben muss man genauer hinschauen.

Je nach Anbieter kann Geld beispielsweise bei Partnerbanken liegen. Manche Anbieter können Teile des Guthabens aber auch über Geldmarktfonds abbilden.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Bankguthaben kann unter die gesetzliche Einlagensicherung fallen.

Anteile an einem Geldmarktfonds sind dagegen eine Kapitalanlage und unterliegen nicht der klassischen gesetzlichen Einlagensicherung eines Bankkontos.

Deshalb lohnt sich auch hier ein Blick in die Bedingungen des jeweiligen Anbieters.


Sind Neobroker also schlecht?

Nein.

Das wäre die völlig falsche Schlussfolgerung.

Neobroker haben dazu beigetragen, Wertpapieranlagen einfacher und deutlich günstiger zugänglich zu machen.

Ein kostengünstiger ETF-Sparplan über einen Neobroker kann für den langfristigen Vermögensaufbau eine sehr gute Lösung sein.

Aber:

Ein günstiges Depot ersetzt keine Anlagestrategie.

Der Broker beantwortet nicht automatisch die Fragen:

Wie viel Risiko passt zu mir?

Wie viel Geld sollte ich investieren?

Welche Rücklagen brauche ich vorher?

Welcher ETF passt zu meiner Strategie?

Wie breit sollte mein Vermögen gestreut sein?

Wie verändert sich meine Strategie mit zunehmendem Alter?

Was passiert bei Arbeitslosigkeit, Krankheit oder längeren Einkommensausfällen?

Wie soll aus meinem Vermögen später ein regelmäßiges Einkommen entstehen?

Und welche steuerlichen oder staatlich geförderten Alternativen sollte ich berücksichtigen?

Genau hier liegt der Unterschied zwischen einem Produkt und einer Finanzplanung.


Neobroker und Altersvorsorgedepot ab 2027

Besonders interessant wird das Thema durch das neue Altersvorsorgedepot.

Ab 2027 können auch Banken, Investmentgesellschaften und Neobroker entsprechende Lösungen anbieten. Die vorgesehenen Modelle unterscheiden sich allerdings erheblich. Beim Standardprodukt sind beispielsweise maximal zwei Fonds beziehungsweise ETFs und maximal 1,0 Prozent Effektivkosten vorgesehen; daneben gibt es individuellere Investment- und Versicherungslösungen.

Damit wird der Wettbewerb um die private Altersvorsorge größer.

Das ist grundsätzlich positiv.

Günstige digitale Angebote können Kosten senken und mehr Menschen überhaupt erst dazu bringen, für das Alter vorzusorgen.

Aber auch hier gilt:

Der günstigste Anbieter muss nicht automatisch die beste Altersvorsorge bieten.

Beim Altersvorsorgedepot spielen neben den Kosten weitere Fragen eine Rolle:

Wie flexibel ist die Kapitalanlage?

Welche ETFs oder Fonds stehen zur Verfügung?

Kann die Anlage später verändert werden?

Wer kümmert sich um Förderung und Zulagen?

Gibt es Garantien?

Wie funktioniert die Auszahlung im Ruhestand?

Gibt es eine lebenslange Rente oder lediglich einen Auszahlungsplan?

Und was passiert mit einem bereits bestehenden Riester-Vertrag?

Gerade beim letzten Punkt sollte nicht einfach auf einen digitalen Übertragungsbutton geklickt werden.

Die von mir verwendeten Fachunterlagen unterscheiden ausdrücklich zwischen der unveränderten Fortführung eines bestehenden Riester-Vertrags, Förderwechsel, Beitragsfreistellung mit Neuabschluss und Kapitalübertragung.

Mehr dazu findest du in meinem Beitrag:

→ Altersvorsorgedepot 2027: Was sich bei Riester, ETF und privater Altersvorsorge ändert

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Worauf solltest du bei einem Neobroker achten?

Bevor du dich für einen Anbieter entscheidest, würde ich nicht nur fragen:

„Was kostet der Sparplan?“

Sondern mindestens diese Punkte prüfen:

Depotkosten:
Gibt es eine laufende Grundgebühr?

Orderkosten:
Was kosten Käufe und Verkäufe tatsächlich?

Sparpläne:
Welche Wertpapiere können kostenlos oder günstig bespart werden?

Spreads:
Über welche Handelsplätze werden die Orders ausgeführt?

Produktkosten:
Welche laufenden Kosten hat der ausgewählte ETF oder Fonds?

Auswahl:
Welche ETFs, Fonds, Aktien und anderen Anlageformen stehen zur Verfügung?

Flexibilität:
Kann die Strategie später problemlos verändert werden?

Guthaben:
Wo wird nicht investiertes Geld verwahrt?

Service:
Was passiert, wenn etwas nicht funktioniert oder eine komplexere Frage entsteht?

Preismodell:
Welche Kosten gelten heute – und welche Bedingungen können sich verändern?

Und vor allem:

Passt das Depot überhaupt zu deiner persönlichen Anlagestrategie?


Mein Fazit: Neobroker können günstig sein – aber „0 Euro“ ist nicht die ganze Wahrheit

Neobroker haben viele Vorteile.

Sie sind einfach.

Sie sind digital.

Und sie haben Wertpapieranlagen für viele Menschen erheblich günstiger gemacht.

Das sollte man nicht kleinreden.

Aber eine Anzeige mit „0 Euro“ beantwortet nur einen kleinen Teil der entscheidenden Fragen.

Auch bei einem kostenlosen Sparplan können Produktkosten und Spreads entstehen. Preisstrukturen können sich ändern. Und die größte Gefahr liegt möglicherweise gar nicht in den Kosten des Brokers, sondern darin, ohne klare Strategie ständig zu handeln.

Deshalb gilt für mich:

Nicht nach dem billigsten Broker suchen. Zuerst die passende Strategie festlegen.

Wenn anschließend ein günstiger Neobroker am besten zu dieser Strategie passt, spricht nichts dagegen.

Wenn eine andere Depot-, Investment- oder Versicherungslösung besser zum persönlichen Bedarf passt, sollte aber auch nicht wegen einer kostenlosen Order darauf verzichtet werden.

Das Produkt folgt der Strategie – nicht umgekehrt.


Du möchtest investieren, weißt aber nicht, welche Lösung zu dir passt?

ETF-Sparplan, klassisches Depot, Neobroker, Altersvorsorgedepot oder Versicherungslösung?

Darauf gibt es keine pauschale Antwort.

Ich prüfe mit dir zuerst, was du erreichen möchtest, wie viel Risiko zu dir passt, welchen Zeitraum du hast und welche Flexibilität du brauchst.

Erst danach sprechen wir über das passende Produkt und den passenden Anbieter.

Denn ein günstiges Depot ist gut.

Eine gute Strategie ist wichtiger.

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